Eine Frage des Leidensdrucks (pdf-Version)

Herr J. ist ein bekannter Unternehmer in seiner Heimatstadt, einem vornehmen Kurort im Schwarzwald. Alteingesessen als Gastronom und Konditor bewirtschaftet er mehrere exclusive Standorte im Stadtgebiet. Sein Geschäft betreibt er in 4. Generation, traditionsbewußt und mit erheblichem Vermögen im Hintergrund, das insbesondere Vater und Großvater in ihrem Arbeitsleben mit Fleiß und Geschick geschaffen hatten. Das gibt ihm ein Gefühl der Souveränität.

"Die Qualität meiner Produkte und die Bandbreite meines Angebots sind führend, alles eigene Herstellung, immer frisch und das meiste prämiert!", betont er gerne. Er richtet außerdem "events" aus in seinen "locations": Hochzeiten, Firmenempfänge, am liebsten für gehobene Adressen. Für die hat er ein Faible. Die "performance" ist stets tadellos, das Lob tut ihm gut. Nachkalkulationen führt er nicht durch. Die Preise schätzt er. Sein Jahresumsatz liegt deutlich über 10 Millionen, hatte er sich doch stets um weiteren Ausbau und Verbreiterung seiner Geschäftsbasis bemüht. Herausragende Gästenamen erwähnt er gerne und bei jeder Gelegenheit: der Bundeskanzler, das Top Model, der Formel 1 Pilot. Seine Fotowand ist schon sehr beeindruckend...

Im Stadtrat sitzt er, zugleich ist er Vorsitzender im Werbering, die Parteifraktion trifft sich bei ihm am Stammtisch, so mancher Interessengemeinschaft gehört er an, bei den wichtigsten Vereinen ist er förderndes Mitglied. Auf seine Bekanntschaft mit Landrat, Oberbürgermeister und zahlreichen Würdenträgern hält er sich viel zu Gute. Seine Freunde sind sie alle nicht, er ist nicht beliebt.

Im Laufe der Zeit sind seine Geschäfte in die Jahre gekommen, das Outfit verschlissen, neue Läden hatten in seiner unmittelbaren Nachbarschaft aufgemacht, modern, mit Selbstbedienung, mehr auf den eiligen Kunden gezielt. Davon hielt er nichts ... zu flach. Aufbackstationen!

Sein Traditionscafé hatte immer noch Charme, aber die Zahl der Stammgäste ging ständig zurück. Seine handgemachten Confiseriewaren fanden zu den wichtigen Festtagen zahlreiche Abnehmer, sonst war das Interesse eher gering.

Er war stolz auf die Schar seiner Verkäuferinnen, alle im mittleren Alter, alle in blauen Kleidern und mit weißen, gestärkten Schürzen. Jede betreute ihren eigenen Thekenbereich, das Angebot war komplett, sogar Mittagsmenus und Salate gab es in der Konditorei.

Die Umsatzrückgänge der vergangenen Jahre waren seiner Meinung nach durch die Bauarbeiten für die Fußgängerzone bedingt, das würde bald wieder besser, wenn das Stadtbild komplettiert sein würde. Den Personalstand hatte er gehalten, was sollten die anderen Geschäftsleute im Werbering denken.

Auch die wohlgemeinten Hinweise seiner Hausbank nimmt er nicht zur Kenntnis: über die Jahre stetig steigendes Kreditvolumen, Privatfinanzierungen für mehrere Gesellschafterdarlehen, die er zum Verlustausgleich in sein Unternehmen und in die Ausstattung seiner angepachteten "locations" steckte; alle Darlehen abgesichert über sein großes Geschäftshaus in allerbester Lage; das Kreditvolumen erreichte allmählich die Beleihungsgrenze.

Kein Thema für ihn!

Marktanalyse, Marketing, Kalkulation, Rechnungswesen waren eher nebensächlich, da verließ er sich lieber auf sein Gespür und seine Erfahrung. Wichtig war zuallererst einmal die Präsenz des Traditionsnamens; das Schild in Leuchtbuchstaben am City Center oder im schmiedeeisernen Schaukasten am Museumsrestaurant erfüllte ihn mit Stolz, die Leute würden schon kommen.

Seit einigen Jahren hatte er sich kein Gehalt mehr überwiesen, er lebte von einigen Mieteinnahmen. Die Verlustphase musste man halt durchstehen, bis das Umfeld wieder besser wurde. In drei Jahren würde auch der neue Bürokomplex stehen, das würde die Filiale dort wieder auslasten.

Alle Ratschläge zu einer defensiveren Handlungsweise hatte er abgetan. Die Berater der Bank, die Experten der Innung, sie hatten doch keinen überblick und waren deshalb unwichtig. Ihre Vorschläge waren unbrauchbar, sie passten ihm nicht. Straffung! Rückzug! Konzentration! Mit ihm nicht!

Plötzlich geschah etwas in seinen Augen Unerhörtes: die Hausbank verweigerte ihm die Ausweitung des Kontokorrents, als er wieder einmal zusätzliche Geldmittel benötigte, um die Löhne und Lieferanten zu bezahlen.

Sie fror das Konto sogar ein und riet ihm dringend, einen aktualisierten Status seines Unternehmens erstellen zu lassen und endlich auch die Bereinigung der zahlreichen geschäftlichen wie privaten "Baustellen" und "Nebenkriegsschauplätze" - von veralteten Mietverträgen über unerfüllte Investitionsauflagen, fehlende Genehmigungen, bis hin zu unwirtschaftlichen Steuersparimmobilien und hochfinanzierten Ferienwohnungen - in Angriff zu nehmen.

Was das alles die Bank anginge, schimpfte er. Das war seine Privatsache. Er brauchte nur Geld, und zwar prompt; er war ja bereit, weitere Sicherheiten zu begeben. Auf dem Geschäftshaus war noch etwas "Platz" und auch ein Aktienpaket würde er noch verpfänden können. Dafür sei eine Bank schließlich da.

Die winkte ab; wichtiger als das kurzfristige Geschäft war ihr eine nachhaltige Konsolidierung seiner Aktivitäten. Sie nannte ihm auch einen situationserfahrenen Berater, den er widerwillig anhörte, obwohl er ihn recht vernünftig fand...

Die leistungs- und betriebswirtschaftliche Situationsanalyse wurde kurzfristig fertiggestellt, nachdem das Steuerbüro noch zwei Vorjahresbilanzen nachgeholt hatte. Beide zeigten deutliche operative Verluste und weitere erhebliche bilanzielle Risiken; das stichtagsbezogene kumulierte Ergebnis des laufenden Geschäftsjahres war ebenfalls stark negativ. Sein Unternehmen war illiquide und bei "scharfer Bilanzierung" in Größenordnungen überschuldet.Der Berater hatte ihn um seine Genehmigung zu Gesprächen mit einigen seiner Mitarbeiter gebeten, um möglichst schnell den leistungswirtschaftlichen Prob-lemen auf den Grund zu kommen. Das hatte er abgelehnt; die Fragen würde er am besten selbst beant-worten können. Der Berater schaute sich trotzdem alle Details gründlich an, beobachtete sogar eine Nacht lang die Herstellung und Auslieferung der Waren und schrieb seine Befunde in einen recht drastischen Bericht.

Herr J. stimmte allen Erkenntnissen zu, war aber nicht weiter beeindruckt.

Das Konzept zur Restrukturierung: Schließung strukturell unwirtschaftlicher Filialen; individuelle Positionierung der Kerngeschäfte; Kostenrechnung im Hause; Bereinigung des ausgeuferten Angebots; Personalabbau in Produktion, Logistik und Verkauf; Konzentration der Produktion und Produkttausch / Fremdbezug; verstärkte Akquisition von Großkunden; Straffung der Abläufe; Einstellung eines Betriebsleiters; Vermietung freier Ladenflächen; Verkleinerung des Fuhrparks; Nachverhandlung von Mietverträgen; und - als letztendlich einzig konsequente und verantwortungsvolle Handlungsweise: übergabe des Betriebs an einen tragfähigen Nachfolger.

Herr J. fand das alles sehr vernünftig. Gefallen wollte es ihm gar nicht. Er dachte viel lieber offensiv; und das Eingeständnis, eine Fehlentwicklung korrigieren zu sollen, kam für ihn nicht in Frage. Nach 100 Jahren Firmentradition sollte er derjenige sein, der zum Rückzug bläst, unvorstellbar! Das können in ein paar Jahren seine Nachfolger machen.

Nach endlosen, aufreibenden Diskussionen entschloss er sich dann doch, auf 20 % seines Personals zu verzichten, dies verschaffte seinem Unternehmen zunächst etwas Luft. Alles andere ließ er unberührt.

Auch die Bank bemühte sich weiter, mahnte, riet zu, jedoch ohne Ergebnis. So hielt sie den Kontostand weiter eingefroren. Die überschuldungssituation hatte er zwischenzeitlich mit Hilfe eines werthaltigen Zahlungsversprechens formal beseitigt.

Der Berater hatte schon vorher frustriert sein Mandat zurückgegeben. Trotzdem blieben sie in Kontakt. Bei einem Meinungswandel würde er ihn in der Umsetzung der notwendigen Maßnahmen engagiert unterstützen. Herr J. hatte das sehr wohl verstanden.

Erst einmal feierte Herr J. im Kreise der Honoratioren jüngst seinen 67. Geburtstag ! Erst einmal ...


Dr. Detlev W. Schlebusch
Geschäftsführender Gesellschafter
S+V Dr. Schlebusch, Volz + Cie GmbH

© S+V Dr. Schlebusch, Volz + Cie. GmbH, Frankfurt am Main

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